Schon der Gedanke an den Zahnarztbesuch löst bei einigen Menschen Stress aus. Wenn dann noch das helle Kreischen des Bohrers startet, das Licht der Untersuchungslampe blendet und metallische Instrumente in den Mund eingeführt werden - das zerrt an den Nerven. Auch hier kann Achtsamkeit helfen.
Kürzlich musste ich zum Zahnarzt. Ein Weisheitszahn sollte raus. Ich bin nicht besonders ängstlich beim Zahnarzt - meine Zahnärztin ist sehr ruhig und entspannt und gibt mir immer das Gefühl, dass alles in Ordnung ist.
Aber eine Zahn-OP ist dann doch etwas anderes. Noch dazu hatte ich bei meiner Frau eine ähnliche Operation begleitet und sie hatte damals sehr gelitten. Tagelang heftige Schmerzen, geschwollene Backen und nur Flüssignahrung. Mir machte die Erinnerung daran schon Bedenken.
An meinem OP-Tag hatte ich also nicht nur die eigenen Ängste vor dem Unbekannten, sondern auch die Erinnerungen an die OP meiner Frau und deren Nachwirkungen im Kopf.
Ich übte den achtsamen, also nicht wertenden Umgang mit meinen Gefühlen. Morgens vor der OP machte ich Joga und spürte in meinen Körper hinein. Ich nahm meine Gedanken und Gefühle wahr und versuchte mich nicht mit ihnen zu identifizieren. Ich sagte mir immer, wenn ein unangenehmes Gefühl hochkam: "Da ist Ungewissheit. Da ist Befürchtung."
Und das half mir.
Als es soweit war und wir losfuhren zum Arzt, stieg meine Anspannung. Auch das nahm ich wahr: "Da ist Anspannung."
Beim Zahnarzt mussten wir noch rund 20 Minuten warten. Ich schaute mich um, nahm die Details bewusst wahr, schaute aus dem Fenster, studierte ein Bild, das an der Wand hing und beobachtete die Praxisabläufe. Immer wieder atmete ich bewusst tief ein und langsam aus.
Als ich in den OP-Saal kam, wusste ich nicht, wie die OP ablaufen würde. Alles war ungewiss und neu. Das erzeugte Stress. Auch hier sagte ich mir immer wieder "Da ist Stress. Da ist Angst." Ich schloss in den Wartezeiten zwischen zwei Behandlungsschritten die Augen, atmete ruhig ein und aus und nahm die Wirkung des in der Betäubungsspritze enthaltenen Adrenalins wahr: mein Herz schlug schneller und kräftiger. Mit Atemübungen versuchte ich es wieder etwas zu beruhigen (was vermutlich aus medizinischer Sicht den Einsatz des Adrenalin konterkarierte). Ich beobachtete mein Herz, ich hörte die Geräusche in der Praxis und ich spürte, wie ich auf dem Zahnarztstuhl lag.
Als die eigentliche OP begann, achtete ich ganz bewusst auf die Geräusche um mich herum. Der Bohrer brummte nicht nur. Ich versuchte die Natur des Bohrergeräuschs wahrzunehmen. Ein dunkles Bollern beim Kontakt der Bohrerfläche auf meinem Zahn, ein etwas helleres Surren des Bohrers selbst, ein hohes Pfeifen und noch mehr einzelne Geräusche. Sobald ich die einzelnen Töne des komplexen Geräuschs wahrzunehmen versuchte, war ich im Hier und Jetzt und nahm war, was ist. Und damit schwand die reflexhafte Angst vor dem Bohren, dem Knirschen und Knacken und all den komischen Wahrnehmungen bei der Entfernung eines Weisheitszahns.
Oft erzeugt ein Geräusch ganz automatisch unangenehme Gefühle, weil das Geräusch mit Schmerzen oder Ängsten einhergeht. Das Geräusch des Bohrers erzeugt ja keine Schmerzen im Zahn, aber es hängt natürlich an der Schmerzquelle - dem Bohrer - dran. Der Autopilot im Kopf reagiert dann mit einer unangenehmen Bewertung des Geräuschs und löst Fluchtreflexe aus. Aus dem völlig neutralen Surren eines Bohrers wird ein aggressives Brummen, ein schreckliches Poltern und ein grässliches Kreischen.
Durchbricht man diesen Automatismus mit einer einfachen Achtsamkeitsübung, dann erkennt man: da ist nicht ein Geräusch, sondern viele. Da sind Töne, helle und dunkle, da sind Geräusche, die durch das Ohr erfasst werden und andere, die durch den Knochenschall wahrgenommen werden. Und da ist Stille. Zwischen den Geräuschen.
Mit jedem Moment bewusster Wahrnehmung verliert das Geräusch seine Bedrohlichkeit. Es bleibt einfach ein Klang, der kommt und geht. Es entsteht Raum für Stille und innere Gelassenheit. Da ist Bewusstheit und die Möglichkeit, selbst den Umgang mit der Situation zu gestalten.

Die OP verlief sehr gut. Der Zahn wehrte sich zwar und der Arzt musste sich mehrfach anstrengen, aber irgendwann war der Zahn draußen. Ganz unspektakulär. Alles war gut.
Der Bohrer hatte seinen Angst und Schrecken verloren, die Geräusche waren da, aber übernahmen mich nicht. Das war eine angenehme Erfahrung und ich bin froh, dass ich sie machen konnte. Gerade in dieser herausfordernden Situation zeigte sich mir, wie nützlich und gut Achtsamkeit sein kann. Statt Schrecken die bewusste Wahrnehmung.
Ich werde kein Fan von Weisheitszahn-OPs, aber ich habe erfahren, dass der Schrecken eine willentliche Entscheidung ist. Und ich kann mich gegen diesen entscheiden.