Im April haben wir, also meine Frau und ich, unser gemeinsames Auto verkauft. Ein alter Opel Astra Caravan, 26 Jahre alt, sehr praktisch und ein tolles Reisefahrzeug. Aber durch sein Alter und die mangelhafte Pflege durch uns, hatte er zuletzt erhebliche technische Probleme.

Verpflichtungsökosystem

Den Begriff Verpflichtungsökosystem finde ich sehr gut, auch wenn er wissenschaftlich klingt. So ein Auto bringt ein ganzes Geflecht an Verpflichtungen mit sich:

  • eine KFZ-Versicherung muss abgeschlossen und bei vertragsrelevanten Änderungen angepasst werden. Sollte sich beispielsweise die jährliche Laufleistung ändern, muss man das melden.
  • der Zoll bekommt die jährliche KFZ-Steuer
  • die regelmäßige Haupt- und Abgasuntersuchung muss durchgeführt werden
  • idealerweise kümmert man sich um sein Fahrzeug und führt Inspektionen durch bzw. wartet das Fahrzeug
  • sicherheitsrelevante Teile müssen regelmäßig geprüft werden - zum Beispiel Reifendruck, Reifenprofil, Bremsen, Scheiben reinigen, Scheinwerfer...
  • für die Auslandsfahrten notwendige Mautsysteme bedeuten zusätzliche Verträge und Meldepflichten
  • hat man einen Vertrag mit einem Pannendienst, so entstehen daraus weitere Verpflichtungen
  • die ewige Parkplatzsuche, wenn man keinen eigenen Stellplatz hat und das Wiederfinden des Autos

Unser Fahrzeug war leider öfter defekt und blieb liegen. Dadurch entstand ein recht hoher Koordinierungsaufwand mit der Werkstatt, dem Pannendienst, dem eigenen Zeitmanagement für die Abholung des Fahrzeugs und die Rückholung nach der - hoffentlich erfolgreichen - Reparatur. Auch dafür waren jedesmal mehrere Telefonate und Abstimmungen notwendig.

Und jede dieser Verpflichtungen verlangt Aufmerksamkeit, kostet Geld, das erwirtschaftet werden muss und muss irgendwie im Blick behalten werden. Es kommen Briefe und E-Mails rein, die Bedingungen der Verträge ändern sich, die Beiträge steigen und vielleicht ist deshalb ein Vergleich mit anderen Anbietern notwendig... das alles kostet Zeit, Nerven und Geld.

Das Verpflichtungsökosystem ist - gerade bei einem Auto - größer, als ich zuerst dachte.

KFZ-Geschichten

Meinen Führerschein machte ich mit 19 Jahren. Kurz danach kaufte ich einen kleinen Motorroller mit 50ccm. Das war Freiheit und Spaß. Und der erste Kontakt mit den Abhängigkeiten, die der Besitz mit sich bringt. Bei einem Kleinkraftrad ist das alles noch recht entspannt - da gibt es nur das Versicherungskennzeichen, das man jedes Jahr neu kaufen muss (und ich mehrmals den Stichtag verpasste...). Keine Steuer, keine HU/AU. Erste Erfahrungen mit schlechten Werkstätten machte ich auch und der Koordinierungsaufwand bei einem Werkstattbesuch war auch mit dem Roller nicht unerheblich.

50er
Foto: Richard Mücke

Nachdem der Roller nach vielen Jahren aufgrund technischer Probleme weg musste, machte ich den Motorradführerschein und kaufte ein großes, schweres Motorrad. Das war - nicht nur vom hohen Leergewicht her - eine schwerer Brocken. Kamen doch jetzt Steuer, Versicherungsvertrag, Zulassung, Inspektionen, HU/AU dazu. Und so richtig Spaß hatte ich mit der Maschine auch nicht.

Nach vielen Jahren kam ich zurück auf den Roller. Statt eines 50ers wurde es nun ein Leichtkraftrad mit 125ccm. Ein Reisefahrzeug, mit dem ich viele Abenteuer erlebte. Auch hier gab es - bis auf die Steuer - alle Verpflichtungen, wie beim Auto.

In all den Jahren hatte ich nie ein Auto. Brauchte ich eins, dann nutze ich Carsharing und war sehr zufrieden damit.

Und dann kam meine Frau Sina in mein Leben. Für Sina war ein Auto alltäglich und seit sie ihren Führerschein hatte, besaß sie ein Auto. Wir versuchten es eine Zeit lang ohne KFZ und dann kam der Wunsch nach gemeinsamen Autoreisen und einem Dachzelt auf - neue Abenteuer warteten auf uns. Daher kauften wir gemeinsam unseren oben erwähnten Opel.

Der Opel
Foto: Richard Mücke

Verschlankung

Als der Opel langsam aber sicher immer mehr Probleme bekam, wurde langsam klar: der muss weg. Allein bei der Vorstellung, fiel mir ein Stein vom Herzen. Hatte ich eh schon viel Stress in meinem Leben und kämpfte in der Zeit auch mit einer Überlastung durch die Arbeit, so war die Vorstellung die ganzen Verpflichtungen aus dem Besitz eines KFZ loszuwerden echt verlockend. Also wurde der Opel verkauft.

Als der neue Eigentümer den Wagen aufgeladen hatte und davon fuhr, fiel mir ein großer Stein vom Herzen. Befreiung.

Meinen 125er-Roller hatte ich schon länger zum Verkauf angeboten, nur hatte er kein Interesse hervorgerufen. Also setzte ich drei Wochen nach Verkauf des Opels den Preis für den Roller runter und noch am selben Tag wurde er verkauft.

Die letzten Handlungen kosteten nochmal Zeit und Nerven (Abmeldung, Versicherung informieren, Wiedervorlagen löschen), waren jedes mal aber auch eine Last, die von meinen Schultern genommen wurde.

Und nun habe ich kein KFZ mehr. Ich nutze das Fahrrad, die öffentlichen Verkehrsmittel, seltenst CarSharing und fahre bei meiner Frau mit. Sie hat nämlich nun ein eigenes Auto.

Effekt

Es gibt Besitz im Leben, bei dem die Verschlankung ein ganzes Verpflichtungsökosystem verschwinden lässt. Mit Verkauf des Autos wurde auf einen Schlag fünf Verträge (oder vertragsähnliche Verbindlichkeiten) gelöst. Weitere regelmäßige Aufgaben entfielen. Ein Teil weg - viele Verbindlichkeiten weg. Das ist toll.

Natürlich ist es ganz persönlich und individuell, welcher Besitzt trotz der Abhängigkeiten sinnvoll ist. Für mich ist ein Auto aktuell nicht sinnvoll. Also kann die Last weg.

Es geht mir deutlich besser ohne die Last des Besitzes. Es gibt natürlich Einschränkungen, aber die meisten kann ich persönlich sehr gut anders lösen.

Auch hier ist Achtsamkeit ein Schlüssel: nehme ich die Belastung wahr, die der Besitz verursacht, dann kann ich eine bewusste Entscheidung herbeiführen. Und ggf. etwas ändern.

katze_chillt
Foto: Richard Mücke

Wie ist das bei Dir? Hast Du Besitz, der Dich viel Zeit und Nerven kostet? Hast Du Dich von einem Verpflichtungsökosystem getrennt? Erzähle mir Deine Geschichte: Kontakt.

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