Gefühle sind die Behüter unserer Bedürfnisse - ein Satz aus der Reha und nach diesem geben die eigenen Gefühle Hinweise darauf, dass Bedürfnisse nicht erfüllt werden.
Aber wie nimmt man die eigenen Gefühle wahr? Und was passiert dann?
In diesem Artikel erzähle ich davon, wie mir in einem Urlaub mein eigentliches Bedürfnis klar wurde...
Im April musste ich den Resturlaub aus dem Vorjahr abbauen und plante daher ab Mitte April Urlaub bis Anfang Mai. Drei Wochen Zeit für mich.
Die Idee: mit dem Fahrrad von zu Hause ans Mittelmeer radeln - plakatives Ziel sollte Marseille sein. Ich bereitete mich so vor, wie vor jedem Urlaub, plante also das Gepäck, die Strecke, machte eine sogenannte Packprobe und optimierte die Ausrüstung. Ganz in meinem strukturierten Element eben :)
Der Tag der Abfahrt kam und nach dem morgendlichen Qigong und Joga flugs das Rad bepackt und los gings.
Am dritten Tag meiner Reise brach ich die Tour ab und nutzte die Eisenbahn für die Heimreise. Zum Thema Zugfahren und Unterwegs sein habe ich in dem Artikel Meditation und Achtsamkeit unterwegs etwas geschrieben.
Aber warum brach ich ab?
So eine Radtour ist recht praktisch: nach einigen Kilometern tat mir mein Po weh, die Hände schmerzten etwas und durch das nicht wenige Gepäck (Zelt, Kocher, Werkzeug usw. - da kommt einiges zusammen) war das Fahrgefühl geprägt von Schwere, Last, Gewicht und Anstrengung. Alles Dinge, die ich eigentlich gar nicht mit dem Radfahren verbinde...
Durch die Wahrnehmung der Körpersignale kann man Rückschlüsse auf Gefühle ziehen und dadurch auf Bedürfnisse. Wenn viele Stellen weh tun, sich einiges verkrampft und Spannungen deutlich im Körper zu spüren sind, dann fällt es leicht, Entspannung wahrzunehmen. Wann entspannt sich der Körper? Wann gehen die Schmerzen weg und was passiert mit meinen Gefühlen, wenn sich die Körperwahrnehmung ändert?
An Tag drei der wilden Strampelei - ich fuhr gerade direkt im Gegenwind entlang eines Kanals im Elsass und hatte nach wenigen Kilometern ein großes Bedürfnis nach Pause - setzte ich mich auf eine Bank, das Fahrrad direkt vor mir, packte mein Müsli aus, meinen Fleece und knusperte mein Frühstück.
Der Wind raschelte in den Blättern, ein Graureiher schwebte elegant im Blau des Himmels während einige Wolken langsam ihre Bahnen zogen. Ein paar Fluginsekten summten vorbei, Vögel zwitscherten und ich sah, wie sich die Äste und Blätter der Bäume im Wind bewegten.
Auf der nahen Straße brummten immer wieder Autos vorbei.
Wundervoll. Das ist Stille.
Mir wurde an diesem Fleck bewusst, was ich brauchte. Und was ich wohl schon länger gefühlt, aber bislang nicht richtig wahrgenommen hatte.
Statt Leistung und das Erreichen eines Ziels brauche ich Ruhe, Präsenz, Leichtigkeit und Langsamkeit.

Die Freiheit, meine Bedürfnisse zu erfüllen, ist toll. Gerade am Anfang des Urlaubs konnte ich ja sehr einfach handeln: ich radelte mit der schweren Fuhre zum nächsten Bahnhof und suchte mir meinen Weg über verschiedenste Verbindungen nach Hause. Und dort setzte ich mich mit meiner lieben Frau in den Garten und genoss die Sonne, den Kaffee und erzählte ihr, was ich erkannt hatte.
Der Plan für die nächsten Tage sah dann so aus: Radl mit Essen, Trinken, Faltstuhl, Büchern und Kaffee-Kocher bepacken und dann eine schöne Stelle am Neckar suchen. Und dort genau das machen, was meinen Bedürfnissen gerecht werden würde. Sitzen, lesen, in der Stille der Natur sein, vorbeieilende Menschen beobachten aber selbst ganz ruhig sein.
Ich schrieb einer Freundin dazu eine Mail. Hier folgen Auszüge, die gnz gut zusammenfassen, was ich meine...
Morgens im Hotel (es war eigentlich ein Chambres d'hôtes) machte ich Qigong im Garten (das Wundermittel gegen die Verspannungen vom Radeln!) und saß danach beim Käffchen mit Blick in die Bäume und hörte den Vögel zu. Das war Urlaub. Da war ich da. Nicht auf dem Rad. Sonder dort, wo ich Pausen machte.
Ich erzähle das nur so ausführlich, weil für mich die Erkenntnis da drin steckt: unter all dem Stress, den (teilweise gefühlten) Erwartungen von außen, den eigenen Erwartungen, den Pflichten und dem Dauer-Aufgabe-erledigen, da verschwinden die eigenen Bedürfnisse. Die werden zugedeckt und ignoriert. Auf später verschoben. Nur dass dieses Später nie kommt oder nur selten.
Durch die bessere, fokussierte Wahrnehmung meiner inneren Gefühle, habe ich jetzt einen klareren Zugang zu dem, was ich für mich brauche. Und das ist toll.
Der Plan sah ein Abenteuer vor: lange und viel Fahrrad fahren, Nachmittags einen Campingplatz suchen, Strecke machen, den Körper fordern und als Belohnung der Strand am Mittelmeer.
Das eigentliche Abenteuer aber war die Entdeckung meiner Bedürfnisse und das Spiel damit. Den Mut, die Reise abzubrechen. Auf den Körper hören, wahrnehmen, welche Signale kommen, wann verspanne ich mich, wann entspanne ich? Was macht es mit mir, ins Ungewisse zu radeln? Und was passiert, wenn ich nur bin?
Was brauche ich wirklich? Was tut mir gut? Und dann diese Bedürfnisse aktiv befriedigen, die Reise abbrechen und ganz bewusst ausprobieren, was ich jetzt brauche.
Das war mein Abenteuer in diesem Urlaub.
Als ich diese Urlaubserfahrung machte, meditierte ich seit rund zweieinhalb Jahren (fast immer) täglich. Durch den MBSR-Kurs hatte ich gelernt, meinen Körper besser wahrzunehmen und dadurch einen Zugang zu meinen Gefühlen zu bekommen. Die Signale waren schon immer da. Auch in vielen anderen Urlauben zuvor fühlte ich mich immer dann wohl und gut, wenn ich saß und war, statt zu eilen, reisen, fahren oder ein Ziel zu erreichen.
Aber es braucht Training und Achtsamkeit, um die Signale zu erkennen. Und dafür gibt es meine Kurse, MBSR-Kurse, Bücher, mein eigenes Buch und die Selbstforschung. Meditieren trainiert u.a. Achtsamkeit. Ideal für die Köperwahrnehmung sind Bodyscans.
Es ging bei dieser Erfahrung nicht darum, dass ich durch Gepäckoptimierung oder durch das Nutzen von Hotels statt Campingplätzen die Reise hätte anders umsetzen können. Genau so, wie sie stattfand, war sie richtig, Denn sie zeigte mir, was ich brauchte. Es geht nicht um Optimierung, sondern um das Ankommen, wo ich bin. Und das ist mir gelungen.
Hast Du ähnliches erlebt und etwas abgebrochen, weil Du Dich selbst wahrgenommen hast? Oder hast Du Dinge durchgezogen, weil Du sie Dir vorgenommen hattest - auch wenn es sich nicht gut anfühlte? Schreibe mir gerne Deine Erlebnisse: Kontakt.